Die Ausstellung bekommt Stimmen verliehen!

Ein ereignisreiches Treffen liegt hinter uns. Während sich die Broschüre, Einladungen und Plakate inzwischen in der Druckphase befinden, konnten die Jugendlichen ihrer Ausstellung heute im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stimme verleihen. Im selbsteingerichteten Tonstudio wurden die Aufnahmen für den ausstellungsbegleitenden Audioguide angefertigt. Alle Schülerinnen und Schüler haben hierfür einen etwa einminütigen Clip eingesprochen, in dem sie ihre ganz persönliche Meinung zu dem von ihnen beschriebenen Gemälde äußern und erklären, inwieweit sie die Werke in ihrem Blick auf die DDR beeinflusst haben. Eine aufregende Erfahrung, die die Jugendlichen souverän gemeistert haben! Nach einer kurzen Vorbereitungszeit, in der sie sich gegenseitig befragen konnten und somit ein Gefühl für das freie Sprechen entwickeln konnten, wurden mithilfe von Kunstvermittler Sebastian Hainsch alle Beiträge innerhalb weniger Stunden aufgenommen und werden nun geschnitten und gemischt. Die Besucherinnen und Besucher können sich dann von den Stimmen der jungen Kuratorinnen und Kuratoren durch die Ausstellung begleiten lassen.

Besprechung der Audio-Clips
Besprechung der Audio-Clips

Ein weiterer kleiner Höhepunkt des Tages war ein Treffen zwischen den Jugendlichen und der Radioredakteurin Maxi Konang von Radio Leipzig, die für den Sender eine Reportage über die Erlebnisse der Schülerinnen und Schüler während der Ausstellungsentwicklung erstellt. Sie interessierte besonders, mit welchen Erfahrungen und Gefühlen zur DDR sie in das Projekt gestartet waren und inwieweit sich ihre Meinung über das sozialistische Land, das sie nur Erzählungen und Geschichtsbüchern kennen, durch die Auseinandersetzung mit der Kunst dieser Zeit verändert hat. Insbesondere der unachtsame Umgang mit der Umwelt habe sie negativ beeindruckt, sagte ein Schüler dazu. Aber auch, dass es auch in der DDR Alltäglichkeit und vor allem Schönes gegeben habe, da sie bisher vorrangig Tristess und Unterdrückung mit dem Land verbunden hätten. Um möglichst viele Eindrücke und Stimmen zu sammeln, wird die Radioreporterin auch zur Pressekonferenz und Eröffnungsveranstaltung kommen, bevor sie ihren Beiträg fertig stellt.

Zusätzlich standen heute wieder organisatorische Punkte an, die nebenher geklärt werden mussten. So wurde das lang geplante und diskutierte Farbgestaltungskonzept doch noch geändert. Anstelle farbiger Streifen werden die Ausstellungsabschnitte nun durch verschiedenfarbige Objektschilder kenntlich gemacht werden. Insbesondere den Malern und Malerinnen, denen somit viele Stunden des Abklebens erspart bleiben, werden über diese Entscheidung glücklich sein. Bei unserem nächsten Treffen werden wir dann auf die verschiedenen Vermittlungsformate für die Ausstellung eingehen und uns mit der Fertigstellung von Videoclips befassen. Es bleibt also abwechslungsreich bis zur Eröffnung, die wohl ebenfalls für die ein oder andere Überraschung sorgen könnte!

Erste Eindrücke aus dem späteren Ausstellungsraum
Erste Eindrücke aus dem späteren Ausstellungsraum – noch beherrscht das Weiß die Wände.

Der Feinschliff der Werktexte & die Besprechung der Öffentlichkeitsarbeit

Beim letzten Treffen ging es für die Jugendlichen ein letztes Mal in die Magazine des Museums. Vor den Originalen, die noch bis kurz vor der Ausstellungseröffnung am 29.03. an ihren Depotplätzen verbleiben, konnten sie ihre Werktexte diskutieren und bisher verborgene Details entdecken. In vielen Fällen gab es Überraschungen oder Ergänzungen. Es wurde deutlich, wie groß die Materialität der Kunstwerke ihre Wahrnehmung beeinflusst. Bei vielen Gemälden erkannten die Schülerinnen und Schüler die Besonderheiten der Bildsprache deutlicher als auf den Fotografien, die sie als Hilfestellung für die Erarbeitung der Texte mit nach Hause genommen hatten. Durch die Gruppenarbeit wurden die Texte außerdem nicht mehr nur durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums lektoriert, sondern wurden von den Jugendlichen untereinander kommentiert. Dabei entstanden neue Ideen und wurden bisher verborgene Perspektiven auf die verschiedenen Werke eröffnet. Nach einer letzten Überarbeitung werden die Texte demnächst an den Grafiker geschickt, der für die jungen Kuratorinnen und Kuratoren eine Broschüre mit einem professionellen Layout entwirft. 

Nach der Pause ging es mit einem anderen wichtigen Thema weiter: Der Öffentlichkeitsarbeit. Um für die Ausstellung zu werben, müssen die Schülerinnen und Schüler sich über die Verbreitung ihres Projektes Gedanken machen. Hierbei werden sie von Herrn Dittmer, dem Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Museum unterstützt. Gemeinsam mit ihm besprachen sie das Motiv ihres Plakats und der Einladungskarten für die Vernissage. Sie diskutierten etlichen Entwürfe und wählten schlussendlich eine Plakatvariante, die nicht ein einzelnes Gemälde in den Vordergrund rückt, sondern den Entstehungsprozess der Ausstellung sichtbar macht. Um gleichzeitig das Interesse der Betrachterinnen und Betrachter zu steigern, haben sie sich für eine monochrome aber auffällige Farbgestaltung entschieden.
Auch die Eröffnungsveranstaltung war Thema des letzten Termins. Die Schülerinnen und Schüler debattierten über ihre Vorstellungen und Wünsche und konzipierten den Ablauf der Veranstaltung. Wer wird sprechen? Welche Musik wird zu hören sein? Wie förmlich ist so eine Veranstaltung? Diese und viele weitere Fragen mussten diskutiert werden. Von Umsetzung können sich die Besucherinnen und Besucher am 29.03. ab 18:00 überraschen lassen. Bereits am Tag zuvor wird es für die Vertreterinnen und Vertreter der Presse um 11:00 eine Pressekonferenz geben, bei der die Jugendlichen Fragen zu ihrem Projekt beantworten werden.

Besprechung der Plakatentwürfe
Besprechung der Plakatentwürfe

Und für alle, die sich für die einzelnen Varianten interessieren, hier noch mal die zur Entscheidung stehenden Entwürfe:

ddraufwaenden_28-02
ddraufwaenden_28-02-1
ddraufwaenden_varianten_02_03
ddraufwaenden_02-01
ddraufwaenden_varianten_02_03_1

Über die Kniffe und Schwierigkeiten des kuratorischen Schreibens

Langsam aber sicher nähert sich das Projekt der Zielgeraden. Zwei Monate vor der Eröffnung der Ausstellung haben bei unserem letzten Treffen wieder einmal die Köpfe geraucht. Grund waren die noch immer nicht fertigen Werktexte, an denen intensiv weitergearbeitet wurde. Aus den zuerst angefertigten Rohlingen wird durch Feilen, Korrigieren, Umsortieren und Ausbessern Stück für Stück eine ausgereifte schriftliche Auseinandersetzung zwischen den Schüler_innen und den von ihnen ausgewählten Werken. Von jeder Version zur nächsten unterstützen die Mitarbeiter_innen des MdbK und die Kunstlehrerin Beate Oertel-Köpping die Jugendlichen hierbei, bis die Texte sich zunehmend ihrer endgültigen Gestalt nähern. Den Schwierigkeiten des wissenschaftlichen Schreibens zum Trotz sind im Laufe dieses Prozesses bereits sehr vielfältige und persönliche Eindrücke entstanden, die eine neue Perspektive auf die Malerei der DDR eröffnen. Einsehbar werden die Texte in einer ausstellungsbegleitenden Broschüre sein.

Neben der Textarbeit mussten einige andere organisatorische Angelegenheiten entschieden werden. Die bisherigen Arbeitstitel der Themengruppen „Gut & Böse“, „Alltag & Freizeit“, „Emotionen“ und „Landschaft“ wurden noch einmal auf ihre Aussagekraft hin diskutiert und teilweise abgeändert, konkretisiert oder erweitert. Die Logistik der Eröffnungsveranstaltung musste angesprochen werden, ebenso wie die Vorstellungen der Schüler_innen über potentielle Vermittlungsformate ihrer Ausstellung. Dafür bekommen sie zukünftig Unterstützung von dem Kunsthistoriker Sebastian Hainsch. Dieser stellte ihnen die neuen Multimediageräte des Museums vor und erklärte ihnen die veschiedenen möglichen Formate. Nach längerer Diskussion kamen die Schüler_innen zu dem Entschluss, selbstständig Audiokommentare zu den ausgestellten Werken und kleine Videosequenzen zu ihren Arbeitsgruppen anfertigen zu wollen. Die konkrete Umsetzung werden wir während der kommenden Termine besprechen. 

Außerdem haben die Schüler_innen die Möglichkeit angeboten bekommen, mit einem Radiosender zusammenzuarbeiten und somit neben Plakaten und dem Blog ein weiteres Medium der Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen. In mehreren Interviews sollen sie die Möglichkeit bekommen, über ihre Wahrnehmung der DDR-(Kunst-) Geschichte und ihre Eindrücke und Erfahrungen im Verlauf ihrer kuratorischen Arbeit zu sprechen. Es bleibt also weiterhin sehr abwechslungsreich und herausfordernd. Und das, während zur selben Zeit eine Menge Schulstoff und Vorprüfungen anstehen! Wir sind voller Anerkennung für das Durchhaltevermögen unserer Jungkurator_innen!

Die Qual der Wahl

Beim letzten Termin standen die Schüler_innen vor der schwierigen Entscheidung, sich auf eine endgültige Auswahl an auszustellenden Werken festzulegen. Gar nicht so einfach in Anbetracht der Vielzahl an Arbeiten, die in den Magazinen des Museums gefunden worden waren. Welche Arbeiten eignen sich besonders, die Wahrnehmung der Schüler_innen zum Thema Leben in der DDR widerzuspiegeln? Wie können sich anhand von Gemälden Geschichten erzählen lassen? Nicht nur die Auswahl, sondern auch die Hängung musste bedacht werden. Schlussendlich wurden 43 Gemälde ausgesucht und eine Raumaufteilung beschlossen. In vier Kategorien, die bisher noch mit Arbeitstiteln auskommen müssen, werden unterschiedliche Geschichten bzw. Narrative entwickelt. Dabei gab es durchaus Meinungsverschiedenheiten, aus denen sich konstruktive Diskussionen ergaben und ein durchdachtes Konzept.

Außerdem wurde angefangen, sich über die Form der Vermittlung der Ausstellung zu beraten. Wie soll dem Publikum ein Zugang zu den Überlegungen der Schüler_innen eröffnet werden? Verschiedene Optionen – vom Wandtext bis zum Audioguide – sind hierfür im Gespräch und sollen in den kommenden Wochen abgewogen werden. Insbesondere hierbei gilt es, kreativ und effiziente Lösungen zu gestalten, da die verbleibende Zeit bis zur Ausstellungseröffnung kurz ist.

Absichtlich lockerer ging es im zweiten Teil der Arbeitszeit zu, in dem die Schüler_innen noch einmal die Magazine des Museums besuchen durften. Dieses Mal jedoch nicht, um Arbeiten auszuwählen, sondern um selbst zum Motiv der Wahl zu werden: Es stand ein Fotoshooting für die ebenfalls zu planende Öffentlichkeitsarbeit an. 

Zu guter Letzt wurde noch über die Werktexte gesprochen, die die Schüler_innen selbstständig zu den von ihnen ausgewählten Arbeiten verfassen sollen. Welche Verwendung sollen die Texte finden? Wie ist ein solcher Text formal aufgebaut? Welche wichtigen Fragen müssen in so einem kurzen und kompakten Text beantwortet werden? All diese Punkte wurden besprochen und den Schüler_innen in die Ferienzeit mitgegeben. 

Ausstellungsgestaltung – Vermittlung – Öffentlichkeitsarbeit. Es wird konkret

In der nächsten Arbeitsphase teilten wir die Gruppe nochmals auf. Aus jedem Themenbereich gingen zwei Personen in die Expert_innengruppe Öffentlichkeitsarbeit und Blog, eine in Ausstellungsgestaltung und eine zur Vermittlung.

Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten wurden von drei Schüler_innen per whatsapp zusammengefasst.

„Hallo mein Name ist Alina und ich bin Teil des Projekts! Gestern haben wir verschiedene Gruppen aufgeteilt, z.B. in Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlung und Ausstellungsgestaltung. In der Ausstellungsgruppe wurde diskutiert, wie die Wände gestellt werden sollen oder das Licht 🙂 Gestern war ich in diesem Bereich mit Dr. Bußmann und Mitgliedern anderer Gruppen tätig 🙂
Wir haben über die Aufstellung der Wände gesprochen und haben die anhand einer Applikation ausprobiert, was sehr Spaß machte! 🙂
Dann kamen ein wenig Vorschläge über die Farben der Wände und das Licht. Was wir das nächste Mal besser besprechen werden.
Das Projekt ist wunderschön und man lernt viel und es macht riesigen Spaß
Eure Alina :)“

Während der Vorstellung der Ergebnisse in der großen Runde wurde noch ergänzt, dass die thematischen Gruppen mit farbigen Streifen oberhalb der Bilder gekennzeichnet werden sollen.

  • Emotionen: hellrot
  • Gut & Böse: Grau
  • Natur/Umwelt: Blau
  • Alltag: Gelb

Denise berichtet:

„Unser Gruppe (Öffentlichkeitsarbeit) hat sich für den Titel „DDR auf Wänden“ entschieden und das wir als Bild für das Plakat ein gestelltes Foto von uns (4 bis 5 Leuten) im Magazin machen […]. Es wurde auch der Freitag der 24.03.2017 um 18:00 festgelegt für die Eröffnung. Die Eröffnung soll eine kleine Rede vom Schuldirektor, dem Direktor vom Museum der bildenden Künste und ein Schüler, der am Projekt mitgearbeitet hat beinhalten :)“

Lena fasst die Ergebnisse der Gruppe Vermittlung zusammen:

„Wir haben 4 öffentliche Termine 4.4. und 11.4. […] zwei Dienstage, einmal 15:00 und der zweite 15:30 somit bleiben noch zwei offen und die wollen wir Mittwochs 18 Uhr machen und falls Schulen anrufen würden wir uns auch dafür entscheiden… und jede Führung wird von einer 4er Gruppe mit Schüler_innen aus jedem Thema gehalten.
Kleine Schilder sollen neben den Bildern hängen, wo Name, Jahr und Name des Bildes stehen. Dazu soll es ein Interview geben was die Leute sich per Headset anhören können, wenn sie alleine dort sind und Broschüren. Außerdem wollen wir Künstler einladen, die noch leben von denen wir Bilder ausstellen. Keine Altersbeschränkung soll Besucher_innen vom Besuch abhalten“

Zum Schluss dieser Vorstellung enstand eine kleine Debatte darüber ob die Schüler_innen einen Text zu jedem Bild schreiben sollen oder nicht. Die Vor- und Nachteile dessen müssen in der nächsten Sitzung noch diskutiert werden!

Welche Wand soll wohin? – Entwicklung des Hängeplans

In dieser Sitzung verwendeten wir die erste Hälfte auf die Konzeption des Raumplans und der Hängung. Nachdem die Schüler_innen lange nur in ihren Kleingruppen gearbeitet hatten, war es nun ihre Aufgabe sich wieder in der großen Runde zusammenzufinden und einen roten Faden durch die einzelnen Bestandteile der Ausstellung zu legen.

Im vorhinein hatte ich ein Modell im Maßstab 1:20 gebaut, in dem die Wolfsburger Wände im Inneren flexibel anortbar waren. Schnell wurde klar, dass die Schüler_innen sich schon viele Gedanken darum gemacht hatten. Sie sprudelten förmlich über vor Ideen und argumentierten stichhaltig die Vor- und Nachteile der einzelnen Varianten, so dass die Zeit, die wir vorher für diesen Abschnitt eingeplant hatten kaum ausreichte. Da wir uns aber unbedingt heute auf eine Version einigen mussten, legten die Schüler_innen sich schließlich doch mit elf Für- und drei Gegenstimmen auf eine Positionierung fest.20161124_111022

Wie sie jene Idee entstanden ist, konnte in diesem Viedeo festgehalten werden.

 

Anschließend überlegten die Schüler_innen unter der Moderation von Frédéric Bußmann, wie die Kleingruppen sich in diesem Modell verteilen könnten. Bei dieser Entscheidung fielen Argumente, wie die Platzierung von Einführungstext und Titel und die sich daraus ergebende Laufrichtung der Besucher_innen ins Gewicht. Außerdem mussten inhaltliche Argumente berücksichtigt werden. Daher einigten sich die Schüler_innen darauf, dass die Themen Emotionen und Gut&Böse in zwei U-Formen in der Mitte ausgestellt werden sollten, da sie eher intimere und einengendere Themen behandeln. Landschaften brauchen dagegen viel Fläche und die Gruppe Leben und Alltag hatte besonders viele Bilder ausgewählt, sodass sie auch an die Außenwand kamen. Nun rissen wir das Modell auseinander, sodass jede Gruppe ihre Wände mit Bildern behängen konnte.20161124_115308

Hier wurde eine Konkurrenz zwischen den Gruppen sichtbar, die dem Konzept einer gemeinsamen Ausstellung entgegensteht. Es folgten lange Debatten, welche Gruppe wo hängen durfte und wer Bilder wieder rausschmeißen musste. Leider waren die 25 Min, doe wir für diesen Arbeitsgang eingeplant hatten auch nicht annähernd ausreichend, so dass beim nächsten Mal auf jeden Fall noch weiter daran gearbeitet werden muss. 

20161124_114106

Ein Ausstellungskonzept für die jedes Thema, oder: wie funktionieren kuratorische Entscheidungen?

In dieser Sitzung galt es die zuvor begonnene Feinauswahl zu beenden. Die Schüler_innen konnten sich nun nicht mehr nur mit alltäglichen Bewertungsschemata wie „gefällt mir“ begnügen, sondern mussten ein Argumentationskonzept, einen roten Faden durch ihre Auswahl legen, der nicht nur die Gruppenmitglieder sondern auch die Betreuenden überzeugte. Um die Ideen von so vielen Perspektiven wie möglich durchlöchern zu lassen, wechselten Margret Rost, Frau Oertel-Köpping, Frédéric Bußmann und ich im zwanzig Minuten Takt die Gruppen, wodurch die Schüler_innen immer wieder gezwungen waren, ihre Überlegungen überzeugend in Worte zu fassen.

20161110_113558   

Nach dem Mittagessen gab es noch ein einen Tapetenwechsel. In der gerade eröffneten Ausstellung „Sighard Gille. ruhelos„, die die Schüler_innen während des Aufbaus erlebt hatten, veranschaulichte Frédéric Bußmann welche Gedanken eine Hängung begründen können. Er erklärte was Blickachsen sind und wie dadurch Werke als wichtig hervorgehoben werden können. Der Abstand zwischen den Bildern, die Kombination verschiedener Größen und „Gewichte“ rhytmisieren eine Wand und erzeugen Spannungen im Raum. Kombiniert werden diese eher formalen Überlegungen mit inhaltlichen Entscheidungen, wie etwa jener Werke chronologisch zu ordnen und zu Themenblöcken zu verdichten. Wodurch wird deutlich, dass etwas zu einem Thema gehört, wenn auf Wandbeschriftung fast vollkommen verzichtet wird? Wie bringt man den „Metatext“ den Besucher_innen näher, ohne sie zu stark zu lenken und keinen Raum für eigene Gedanken zu lassen? Es war auffällig wie wenig Themen in dieser riesigen Ausstellung, die ungefähr dreimal so groß ist wie die der Schüler_innen, verarbeitet wurden. Als Faustregel formulierte Herr Bußmann, dass eine Werkgruppe immer aus mindestens 3 Werken bestehen müsse, sonst sei sie nicht zu erkennen.

Nach dieser Exkursion kehrten wir zurück, um unter den neuen Eindrücken nocheinmal die vorherige Auswahl zu überprüfen. Zum Abschluss stellte jede Gruppe ihre Ergebnisse in der großen Runde vor.

Gut & Böse: Diese Gruppe entschloss sich die Gegenüberstellung von Freiheit und Unterdrückung ins Zentrum zu rücken und durch das „Scharnier“ der Demonstration zu vermitteln. Der Übergang von Freiheit zu Unterdrückung soll durch Farbverläufe an den Wänden illustriert werden.20161110_132122

Natur/Umwelt: Verschiedene Formen von Landschaftsdarstellungen in der DDR wurden hier zum zentralen Thema. Mal sind Stadtlandschaften zu sehen, mal zerstörte Landschaften, mal idyllische und dann stehen sie wieder als Sinnbild für etwas ganz anderes. Was alle gemeinsam haben ist der Kontext der DDR und der Leipziger Umgebung.

Leben Alltag: Wie in jedem anderen System der Moderne, teilt sich der Alltag in der DDR auf in Freizeit und Arbeit, dennoch wird die Formung dieser zwei Bereiche sehr stark von dem politischen System der DDR beeinflusst. Wie genau sich dies in der Kunst äußert, wird hier zu beobachten sein.

Mensch/Gefühle: Unter dem Begriff der „Emotionen“ arbeitet diese Gruppe sich an verschiedenen Darstellungen von Liebe ab: sexuelle Liebe, Familienliebe und Paarbeziehungen illustrieren nicht nur den Status dieses Gefühls innerhalb eines totalitären Regimes, sondern auch die zeitlose Entwicklung der Menschen von der Schwangerschaft bis ins hohe Alter.

20161110_133026

 

Künstlergespräch: Lutz Dammbeck besucht die Schüler_innen in der 35. Oberschule

Der Künstler und Filmemacher Lutz Dammbeck war diese Woche in der Jury des Goethe-Instituts auf dem DOK-Festival in Leipzig. Das gab uns die Gelegenheit, ihn am Donnerstag in der 35. Oberschule zu einem Gespräch mit den Schüler_innen einzuladen – eine Chance für die Schüler_innen, 45 Minuten lang alle möglichen und unmöglichen Fragen an einen Künstler zu seiner Kunst und in diesem Fall auch zu seinem Leben in der DDR zu stellen. Hintergrund der Einladung an Lutz Dammbeck, der 1948 in Leipzig geboren wurde und 1986 von dort nach Hamburg übersiedelte, ist, dass er dem Museum der bildenden Künste Leipzig 2015 sein bildkünstlerisches Hauptwerk, das Herakles Konzept (1977-2014), als Ankauf und Schenkung  übergeben hat.

In dem Gespräch mit Dammbeck in der Schule trafen wieder unterschiedliche Perspektiven aufeinander, was ja dem Projekt als Grundidee eingeschrieben ist: die 15 bis 16-Jährigen haben andere Fragen und Ansätze als der Künstler, die Vermittlerin oder die Kunsthistoriker_innen. Während die Schüler_innen sich eher für Lebenserfahrungen und biografische Schnittstellen interessierten, ging es Frédéric Bußmann, Kurator am Museum, vor allem um Dammbecks Herangehensweise an Kunst und seine Beziehung zur DDR.

20161103_095239

Die  hier von mir zusammengestellte Zusammenfassung gliedert sich entsprechend der angesprochenen Themenkomplexe folgendermaßen: Ausgehend von seinem künstlerischen Werdegang, werden einzelne Aspekte seiner Ausbildung in der DDR sowie seine Haltung zur Kunst der DDR diskutiert. Daraus leiten sich die Gründe für seine Entscheidung Mitte der 80er Jahre nach Hamburg zu gehen, ab. Zum Schluss werden Statements zu Dammbecks Arbeitsweise wiedergegeben.

Die erste Frage einer Schülerin war, wann er angefangen habe, sich mit Kunst auseinander zu setzen, auf die Dammbeck antwortete, dass er schon als Jugendlicher an Theateraufführungen und in Zeichenzirkeln mitgewirkt habe  und das Interesse schon immer da gewesen sei. Als sich dann gegen Ende der Schulzeit die Fragen häuften, was er „denn mal werden“ wolle, entschied er sich nach einer Ausbilund zum Schriftsetzer für ein Typographie- und Plakatgestaltungsstudium (1967-1972) an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Auf die Frage der Schüler_innen, wie seine Familie auf seine Orientierung zur Kunstakademie reagiert habe, antwortetet Dammbeck: seine Mutter habe sie sich schon Sorgen um seine Zukunft gemacht – „wie Mütter halt so sind“.

Aber warum Typographie und nicht bildende Kunst? Auf die Frage, warum er damals noch nicht Malerei studiert habe, antwortete Dammbeck ganz offen, dass er es sich nicht zugetraut habe. Es habe zu viele Leute gegeben, die großen Druck ausübten. Letzten Endes gebe es jedoch immer und überall Druck, natürlich auch in der Schule, man könne ihm nie ganz entkommen, sondern müsste lernen, gut damit umzugehen. An der HGB seien damals die verschiedenen Bereiche zwischen bildender und angewandter Kunst, zwischen den verschiedenen Medien streng getrennt gewesen. Dammbeck veranschaulichte dies an einem Beispiel: es habe eine zweiarmige Treppe gegeben, während auf der linken die Gestalter_innen und Fotograf_innen mit – in seiner Darstellung gesenktem – Kopf gehen mussten, stiegen auf der rechten die bildenden Künstler_innen hinauf! Damals habe die Malerei noch als die Königsdisziplin gegolten, angewandte Künste seien weniger renommiert gewesen. Er gesteht, dass auch er selbst erst viel später die Wertigkeit der unterschiedlichen Disziplinen beurteilen konnte. Allerdings hatte er einen Freundeskreis, der sich aus Studierenden der unterschiedlichen Fachbereiche zusammensetzte. So kam er in Kontakt mit allen ihn interessierenden Disziplinen und auch der bildenden Kunst.

Zu der Qualität der Ausbildung sagt Dammbeck ohne Einschränkungen: „Die Ausbildung war super!“ Insbesondere die handwerklichen Aspekte seien hervorragend gewesen, ebenso wie die Kompositionslehre. „Solche Sachen sind unideologisch und universell.“ Und man habe in der DDR einen großen Schwerpunkt darauf gelegt. Die Leute, die er später in Hamburg kennenlernte, hätten ihn sogar um die Ausbildung in der DDR beneidet, insbesondere wegen der Betonung auf das Handwerk. „Die einfachen Dinge müssen erstmal stimmen.“

An seine Zeit an der Hochschule scheint der Künstler insgesamt gerne zurückzudenken: „Stress gab es eigentlich nicht – kann ich mich nicht dran erinnern“, schmunzelte Dammbeck. Einschränkend erzählte er dann doch noch eine Geschichte über die schlaflosen Nächte während der Messezeit,  – „wo wir Kunststudenten uns mit grafischen Ausführungsarbeiten bei der Ausgestaltung der Messestände Geld verdienten“ – und empfahl den Schüler_innen immer auf ihren Körper zu hören und „ansonsten einfach mal was liegen [zu] lassen“.

Inspiriert von einer Sendung in einem der Dritten Programme der ARD, wo Loriot internationale Cartoons und Animationsfilme präsentierte, habe ihn neben Collagen schon seit seinem ersten Studienjahr das Medium Film gereizt, doch da es an der HGB damals Film als Studienfach in keiner Form gab, sei es schwierig gewesen, diese Leidenschaft in sein Studium zu integrieren. Dennoch schaffte er es, als Abschlussarbeit ein Drehbuch und Szenenbild für einen Trickfilm einzureichen. Für genauere Informationen verwies Dammbeck auf seine Autobiographie Besessen von Pop (2012).

Ihn interessiere an Kunst vor allem, wie sich die Bedeutung eines Bildes durch die Betrachter_innen ändert. Das sei für ihn der entscheidende Unterschied zwischen Kunst und Werbung oder Propaganda: Jede_r Betrachter_in sieht etwas anderes in dem Werk. Er radikalisierte seine These sogar noch, indem er ergänzte: „Kunst ist aussagefrei“. Seinen eigenen künstlerischen Schaffensprozess beschreibt Dammbeck wie folgt: „Man fragt sich dann am Ende ganz verwundert: Was ist das? Wie ist das jetzt dazu gekommen?“ Doch selbst ihm sei nach wie vor unklar, wie ein_e Künstler_in den Punkt erreicht hat zu sagen, dass ein Werk fertig sei: „Man merkt, wenn die Arbeit fertig ist. Und der Punkt erreicht ist zu sagen: Das ist in Ordnung so. Allerdings weiß man oft nicht, wie man da eigentlich hingekommen ist.“

Allerdings ist Dammbecks Verhältnis zur DDR-Kunst im Allgemeinen eher zwiespältig.  Unabhängig davon gilt für ihn: „Jede Generation muss ihren Vater oder ihre Mutter erschlagen“. Ihm zu Folge bieten alle totalitären Regime, nicht nur die DDR, einfache Lösungen und versprechen Glück, ohne es jedoch einlösen zu können. In der DDR habe man sich entscheiden müssen, auf welcher Seite man steht. Diejenigen, die sich „in den Dienst der großen Sache“ gestellt haben, habe er schon damals „nicht so gut“ gefunden. Er deutete an, dass man sich für finanziellen und gesellschaftlichen Erfolg in der DDR hätte stark anpassen müssen, was seine Sache nicht so war. Damit stellte er sich außerhalb des Kreises von Künstlerkollegen, die in der DDR Erfolg und Ruhm genossen, dabei aber bisweilen auf ihre künstlerische Unabhängigkeit und Freiheit verzichteten.

Entsprechend war seine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und mit politischen Fragen, etwa zum Verhältnis von totalitären System und Individuuen, in seiner Kunst ein Aspekt, der ihm eine weitergehende künstlerische Karriere in der DDR sehr erschwerte. Seine Antwort auf die Frage eines Schülers, wann er angefangen habe, Politisches in seine Arbeiten zu integrieren, ist deshalb interessant: „Das Politische war schon immer da, aber der Zusammenhang zu der Kunst – zu dem, was ich gemacht habe – kam erst später.“ Trotzdem sei der politische Inhalt nicht zentrale Motivation seiner Arbeiten. Er gehe eigentlich stets vom Material und nicht von der Aussage aus. Irgendwann habe er zum Beispiel angefangen Nähte in seinen Collagen zu verwenden. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: „Irgendwann kam dann vielleicht auch Inhalt hinzu.“

Dies war auch einer der Gründe, warum er 1986 nach Hamburg gegangen ist, wozu ihn der Museumskurator befragte. Eigentlich habe die Familie schon 1961 vor dem Mauerbau konkrete Pläne gehabt, in den Westen zu gehen, was damals allerdings aus privaten Gründen scheiterte. In der DDR sei er dann auf eine Menge Restriktionen gestoßen und an einem bestimmten Punkt habe er gemerkt: „Das geht so nicht weiter!“ Mit einer Gruppe von sechs befreundeten Künstlern hatte er sich zusammengetan, 1984 den Leipziger Herbstsalon zu organisieren, eine von den Funktionären und Verbänden unabhängige Ausstellung, die dann widerwillig zugelassen wurde, aber in deren Folge die Künstler keinen Fuß mehr auf den Boden kriegten. Dammbeck zog dann die Konsequenz: „Meine Maxime war: Ins Gefängnis gehen will ich nicht für die Kunst.“ Nach dieser ziemlich provozierenden Ausstellung war es sehr schwer für ihn geworden, weitere Anstellungen in der DDR zu finden und in der Ferne „drohte der Job des Friedhofswärters“ – eine Tätigkeit, der zahlreiche arbeitslose und nicht systemkonforme Künstler_innen nachgingen. Er stellte also wiederholt einen Ausreiseantrag, der dann schließlich zwei Jahre später genehmigt wurde. So reiste er dann mit nur zwei Tagen Vorbereitungszeit und nur wenigen Habseligkeiten 1986 mit seiner Frau und seiner Tochter nach Hamburg aus, wo er seitdem als Filmemacher und Künstler lebt und arbeitet.

An dem regen Diskussionsinteresse der Schüler_innen und wiederholten Nachfragen im Laufe der nächsten Sitzung, wurde deutlich wie ihnen das direkte Gespräch sowohl das Werk des Künstlers als auch die Kunstwelt in der DDR nähergebracht haben. Durch den Bezug auf eine leibhaftige Person und ihre Lebensgeschichte schienen sich die Produktionsverhältnisse von Kunst in der DDR für zu konkretisieren.

Weitere Informationen zu Projekten und Filmen findet Ihr auf den Websites von Lutz Dammbeck:

http://t-h-e-n-e-t.com/start_html.htm

http://www.overgames-film.com/ (zu seinem neuesten Film Overgames, 2015)

 

Feinjustierung der Werkauswahl

Nach den vorbereitenden Übungen zum Ausstellungsaufbau widmeten sich die Schüler_innen wieder der Aufgabe der vorigen Sitzung, der Verfeinerung der Werkauswahl! Nach den Magazinbesuchen, wo zunächst alles was relevant erschien, gesammelt wurde, hatten sie nun zu entscheiden, welche der dann vorausgewählten über 200 Werke in die Ausstellung kommen sollen. Ziel ist es, die Auswahl auf insgesamt etwa 40 Gemälde, je nach Größe, zu beschränken.

Auch hier arbeiteten die Gruppen in den ursprünglichen Konstellationen zusammen. Im Vorhinein waren die Listen aus den Magazinbesuchen, mit den Notizen der Schüler_innen ausgewertet und den Abbildungen zugeordnet worden, bis jedes Bild eindeutig bestimmt war. Alle Werke wurden dann im A4 Format ausgedruckt und den jeweiligen Gruppen ausgeteilt. Jede Gruppe hatte eine Pinnwand, auf der sie die Bilder sortieren konnten, um eine guten Überblick zu behalten.

Während der Gruppenarbeit sollten die Schüler_innen sich an den 3 Kernfragen orientieren, die anhand der Analyse von Wolfgang Mattheuers Gemälde „Hinter den Sieben Bergen“ im ersten Teil der Sitzung vorgestellt worden waren:

  1. Was ist zu sehen?
  2. Woran denkt ihr dabei?
  3. Warum denkt ihr daran?

Zudem sollten sie immer auch für sich die Frage im Hinterkopf haben: Welche Relevanz hat das Gemälde für mich heute? Schon im Magazin fiel auf, wie unterschiedlich die Schüler_innen gemeinsam Entscheidungen treffen. Dies wiederholte sich bei der Werkauswahl. Wobei alle Gruppen damit anfingen, die Werke nach den gesammelten Unterkategorien zu ordnen. Anschließend diskutierten sie angeregt mit den erstaunlichsten Argumenten:

  • „Das sieht so richtig aus wie die DDR.“   
  • „Das passt nicht zu Leben und Alltag, weil es im Alltag in der DDR keine Meerjungfrauen gab.“
  • „Das ist so voll schön fein gemalt. “
  • „Genau so einen Kittel hat meine Mutter auch noch aus der DDR.“
  • „Wir haben schon richtig viel zu Arbeit. Wir brauchen da nicht noch mehr“

20161027_125854

Es fiel dann auch auf, dass verschiedene Gruppen dieselben Bilder ausgewählt hatten. Es musste also verhandelt und abgewogen werden … „das ist eigentlich viel mehr Mensch & Gefühle als Leben und Alltag“ – wobei die Grenze tatsächlich nicht immer scharf zu ziehen ist. Auch kam es vor, dass der Auswahl entsprechend Unterkategorien gestrichen, ergänzt und umbenannt werden mussten: „Irgendwie haben wir gar nicht so viel zu ‚Das Schöne in der DDR‘.“

Ein weiterer Arbeitsschritt, der anstehen wird und den wir dann in der Gruppe bereits angesprochen haben, ist die Präzisierung des Ausstellungs- und der Gruppentitel, die aussagekräftig und prägnant die verschiedenen Gemälde erfassen sollen, ohne allerdings zu schulisch oder gar einschränkend zu wirken. In Form eines kleinen Brainstormings wurde die Suche nach einem neuen Ausstellungstitel angegangen. Der aktuelle Titel DDR im Blickwechsel muss nicht zwangsläufig geändert werden, aber die Schüler_innen sollten sich darin wiederfinden und wurden angeregt, auch zu Hause noch einmal darüber nachzudenken, wie ihr Ausstellung genannt und beworben werden soll. Wir werden sehen …

Bildanalyse üben am Beispiel Wolfgang Mattheuers „Hinter den sieben Bergen“ (1973)

Nach der Raumbegehung machten wir einen Ausflug in die Dauerausstellung in der ersten Etage: Zuerst begingen wir die Räume, in denen Gemälde der für die Leipziger Malerei nach 1945 wichtigen Künstler wie Max Beckmann oder der Expressionisten und der Neuen Sachlichkeit hängen. Anhand von Wolfgang Mattheuers Gemälde Hinter den sieben Bergen aus dem Jahr 1973 übten wir gemeinsam in einem Gespräch, wie die Bildanalyse eines Gemäldes erfolgen kann.

20161027_112714
Vor Wolfgang Mattheuers Gemälde „Hinter den Sieben Bergen“ (1973)

Es ist eins für die Leipziger Malerei nach 1945 ikonisch gewordenes Kunstwerk. Wie im gesamten Projekt, fielen die von vornherein gewollten unterschiedlichen Perspektiven auch hier ins Gewicht: Während unsere Kunstvermittlerin Margret Rost dieses Bild schon seit Jahrzehnten kennt und es aufs Genaueste mit verschiedenen Gruppen betrachtet und diskutiert hat, sahen die Schüler_innen es vermutlich zum ersten (vielleicht – wenn sie in der ersten Sitzung gut aufgepasst hatten – zum zweiten Mal). Ich selbst nahm wieder eine andere Perspektive ein, da ich mich ihm als Studentin mit kunstgeschichtlichen Methoden und einer biographischen Distanz zur DDR nährte.

Dennoch ähnelten sich die Fragen von Margret Rost und mir sehr, als wir im vorhinein überlegten, wie wir das Gespräch strukturieren könnten. Während die Vermittlungsarbeiterin fragte:

  1. Was ist zu sehen?
  2. Woran denkt ihr dabei?
  3. Warum denkt ihr daran?

formulierte ich die klassischen Schritte nach der ikonographischen Methode von Panofsky: vorikonographische Beschreibung – ikonographische Analyse – ikonologische Interpretation. Gerade bei diesen Themen gibt es immer auch Diskussionspunkte, die methodisch unterschiedlich gehandhabt werden. In unserem Fall war es die Platzierung und Gewichtung der Biographie des Künstlers, die mal stärker, mal weniger stark ins Gewicht fiel.

Das Gespräch mit den Schüler_innen lief wunderbar! Trotz der nahenden Mittagspause hatten sie so viele gehaltvolle Ideen, dass wir das Gespräch zum Schluss sogar abbrechen mussten, um noch genug Zeit für die Werkauswahl zu haben.

Bei der Beschreibung konnten folgende Punkte festgehalten werden:

  • Eckdaten benennen
  • Bildgattung bestimmen
  • Vom Vorder- in den Hintergrund und vom Allgemeinen ins Detail arbeiten
  • Motive und Figuren beschreiben
  • Blickführung/Komposition berücksichtigen

Bei der Analyse verwiesen die Schüler_innen auf die unterschiedlichen Kontexte des Werks. Über die Beschreibung gelangten sie zu der Vermutung, die Autos würde aus „dem Tal der Ahnungslosen“ herausfahren. Selbst wenn die damit einhergehnde Verortung der Szenerie im Dresdener Umland nicht ganz zutreffend ist, kamen sie so auf die Idee, hinter den Bergen könne die Freiheit liegen. Begründet wurde diese Annahme unter anderem durch die Beobachtung, dass die untere Bildhälfte im Schatten liegt, während die Wiesen und Felder dahinter in der Sonne leuchten.

Die Allegorie der Freiheit – der Begriff Allegorie als bildliche Darstellungen eines abstrakten Begriffs musste natürlich erst ein Mal erläutert werden -, die sich über den Hügeln mit Luftballons und Blumen in den Händen erhebt, erinnerte die Schüler_innen nicht nur an die Freiheitsstatue, sondern sogar an das berühmte Gemälde von Delacroix, aus dem Mattheuer hier zitiert: Die Freiheit führt das Volk (fr.: La Liberté guidant le peuple) von 1830 (heute im Pariser Musée du Louvre). Da sich jenes Bild auf die französische Julirevolution von 1830 bezieht, wurden Mutmaßungen angestellt, ob auch Mattheuer beim Malen des Bildes eine Art Revolution im Sinn gehabt haben könnte. Da es aber 16 Jahre vor der Friedlichen Revolution in der DDR entstanden ist, musste ein Blick zurück geworfen werden: Ein kurzer Exkurs zur Geschichte des Prager Frühlings (1968) lieferte hier das historische Hintergrundwissen. Mattheuer arbeitete schon seit dem Herbst 1968 an diesem Motiv, welches sich direkt auf die Niederschlagung der Reformbewegungen in der Tschechoslowakei durch die Nationen des Warschauer Paktes bezieht. In jenem Jahr schrieb er selbst ein Gedicht welches von Frau Rost vorgetragen, den Schüler_innen neues Diskussionsmaterial lieferte:

„Hinter den Bergen spielt die Freiheit.
Hinfahren sollte man.
Sehen müßte man’s
mit eigenen Augen,
das Schöne;
die Freiheit spielt mit bunten Luftballons.
Und andere fahren hin mit Panzern und Kanonen – –
um nachzuschaun.
Und die Freiheit
spielt nicht mehr am Himmel:
dort schiebt der Wind die Wolken.“

Zudem wurden die Unterschiede zu der Liberté von Delacroix thematisiert. Luftballons und Blumen symbolisieren ganz andere Dinge als Bajonett und Nationalflagge. Eine Schülerin formulierte als Resumée überaus treffend: „Träume können auch zerplatzen wie Luftballons“.

Zahlreiche Fragen, die sich aus jenen Beobachtungen ergaben, wurden angeregt diskutiert: Wo besteht der Zusammenhang zwischen dem was ihr hier seht und dem historischen Kontext? Welche Haltung zu den Entwicklungen in der Tschechoslowakei wird zum Ausdruck gebracht? Was wird kritisiert? Wie verpackt Mattheuer seine Kritik?

Auf schwebenden Werbeschildern am Straßenrand, auf denen eine Kamera, eine Tischtenniskelle und ähnliches zu sehen sind, bilden kleine Silben auf den Schildern von links nach rechts das Wort „Eiapopeia“. Mattheuer bezieht sich hier auf Heinrich Heines Versepos „Deutschland ein Wintermärchen“. Wie die Schüler_innen dieses Zitat interpretieren ist in dem Video zu sehen:

[huge_it_video_player id=“2″]

Obwohl wir bei der Analyse ganz konkret an dem einen Bild gearbeitet haben, ist zu hoffen, dass einige Erkenntnisse auch für die Werkauswahl hilfreich sein werden:

  • Eine detaillierte Beschreibung hilft immer weiter. Sie führt direkt zu den Spannungsfeldern im Bild
  • SYMBOLE und ALLEGORIEN erkennen: Manchmal stehen die Dinge auf den Bildern nicht nur für sich selbst, sondern für abstrakte Begriffe und Zusammenhänge
  • Im Fall dieser Ausstellung ist für die Werkauswahl besonders relevant, was der persönliche Bezug der Schüler_innen zu den Werken ist, da ihre Auswahl nicht auf Literaturrecherchen basiert.